Besondere Herausforderung: der Kopf-Hals-Bereich
Hat sich im Kopf-Hals-Bereich ein Tumor gebildet, stehen Ärztinnen und Ärzte vor besonderen Herausforderungen. Da hier zahlreiche verschiedene Strukturen auf relativ engem Raum beisammen liegen, ist die Bestrahlung oder andere Behandlung eines solchen Tumors besonders herausfordernd. Schließlich sollen die hochenergetischen Strahlen zwar den Tumor zerstören, jedoch die in nächster Nähe liegenden empfindlichen Organe möglichst wenig schädigen. Ein KI-System, das die Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer IGD bereits vor einigen Jahren entwickelt haben, erkennt anatomische Strukturen wie Rückenmark, Blutgefäß, Kehlkopf und Co. in computertomographischen Bilddaten vollständig und stellt die Ergebnisse anschaulich dar. Wofür ein Mensch mehrere Stunden benötigt, das schafft die KI in nur vier Minuten.
Neu ist: Die Künstliche Intelligenz kann nun auch den Tumor automatisch erkennen. »Unser Softwaretool lokalisiert und markiert den Tumor in den computertomographischen Aufnahmen, stellt ihn dreidimensional dar und analysiert die entsprechenden Bilddaten«, erklärt Wesarg. Das System basiert auf neuronalen Netzen, trainiert wurde es mit Daten, in denen der Tumor manuell markiert wurde. Aus diesen erstellte sich das System ein entsprechendes Muster. Dazu kommen weitere Informationen aus dem Kopf-Hals-Atlas, etwa: Hier liegt der vollkommen gesund aussehende Kehlkopf, das System braucht dort also nicht nach dem Tumor zu suchen. Die Ergebnisse des Kopf-Hals-Atlasses dienen somit als Vorauswahl.
Wie ist die Helligkeitsverteilung innerhalb des Tumors? Gibt es etwas, das einem Menschen nicht augenfällig ist? Diese Fragen beantwortet das Tool über verschiedene beschreibende Parameter: Insgesamt lassen sich über hundert Parameter dieser Art per Software aus den Aufnahmen eines Kopf-Hals-Tumors herausziehen.
Schneller, kostengünstiger und schonender als eine Biopsie
Erste Ergebnisse zeigen: Die CT-Bilder können auf diese Weise sogar Informationen liefern, die man sonst nur über einen operativen Eingriff und eine anschließende Laboruntersuchung des entnommenen Tumorgewebes gewinnen könnte. »So ist beispielsweise denkbar, einen Zusammenhang zu finden zwischen dem Intensitätsmuster innerhalb der Tumorregion und einer Zellauffälligkeit, die im Labor festgestellt wurde. Hat man genügend Patientinnen und Patienten, so könnte man – statistisch gesichert – eines Tages aus der Erscheinung des Tumors in den Bilddaten auf krankhafte Zellveränderungen schließen.« Aussagen über Gewebemerkmale lassen sich zukünftig also – so die Hypothese – mithilfe von Künstlicher Intelligenz treffen, eine reale Biopsie wäre dann nicht mehr notwendig. Dies schont zum einen die Patientinnen und Patienten, zum anderen das Budget der Krankenkassen. Zudem liegen die Ergebnisse deutlich schneller vor als dies bei einer Biopsie und der anschließenden Laboruntersuchung des entnommenen Gewebes der Fall wäre.
Teile der Technologie werden in ersten Testläufen bereits eingesetzt: in der HNO-Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf. Die Ärztinnen und Ärzte dort nutzen die Technologie, um Patientendaten rückblickend zu analysieren und die Aufteilung in die Kohorten zu überprüfen. Die Frage, die dieser Test in den nächsten Monaten beantworten soll: Wie korrelieren die KI-Ergebnisse mit dem Erfahrungswissen? Ein erster Schritt hin zur individuellen Behandlung ist somit getan.
Langfristig soll die medizinische Versorgung tatsächlich personalisiert, also für jeden Patienten diejenige Therapie mit der höchsten Erfolgswahrscheinlichkeit identifiziert werden. Um dies zu erreichen, ließen sich die für den Kopf-Hals-Bereich entwickelten Algorithmen auch auf andere Krebsarten ausweiten. Dazu braucht der Algorithmus jedoch entsprechende Informationen, welche Strukturen es in den Bilddaten zu erkennen gilt – schließlich hat ein Tumor im Kopf-Nacken-Bereich andere Merkmale als ein Lungentumor.
Mit der MedCom GmbH aus Darmstadt, einer Ausgründung des Fraunhofer IGD, wollen die Forscherinnen und Forscher zudem noch etwas früher ansetzen. Und zwar bei der Erstdiagnose: Im BMBF-Projekt ECHOMICS analysieren sie mithilfe der Künstlichen Intelligenz in Ultraschall-Aufnahmen die Lymphknoten analog zur »Biopsie-Technologie«. Denn: Sind die Lymphknoten dauerhaft vergrößert, kann dies auf einen Tumor im Körper hinweisen. Auf diese Weise könnten Ärztinnen und Ärzte Tumoren bereits deutlich früher erkennen als bisher und somit schneller und erfolgsversprechender behandeln.