Bei der Konzeption, Planung und Steuerung industrieller Prozesse spielen digitale Daten eine entscheidende Rolle. Sie werden nicht nur benötigt, sondern auch in großer Menge erzeugt und können zur Entwicklung neuer Produkte, Services und Geschäftsmodelle verwendet werden. Die Fraunhofer-Gesellschaft entwickelt in Kooperation mit zahlreichen Unternehmen Konzepte und Verfahren, um den digitalen Datenschatz in einem sicheren Umfeld nutzbar zu machen und damit die Wertschöpfung industrieller Prozesse weiter zu erhöhen.
Neue Geschäftsmodelle
Björn Heinze hat es wie immer eilig. Gerade kam eine Anfrage für eine Besprechung herein, in zwei Stunden muss er kurzfristig von Bonn nach Köln fahren. Sein Auto hat der Ingenieur schon vor einiger Zeit abgeschafft, in der Bonner Innenstadt gibt es ohnehin kaum Parkplätze. Mit dem Smartphone bucht er über eine Carsharing-Plattform ein Elektrofahrzeug, das autonom zu ihm fährt und ihn abholt. Sein Nutzerprofil hat er bereits hinterlegt, deshalb geht es schnell. Die Fahrt dürfte dagegen eine Geduldsprobe werden, denn auf den Straßen nach Köln herrscht wie immer Stau. Zum Glück findet das Navi dynamisch eine Ausweichroute, die der Wagen autonom fährt – pünktlich und ausgeruht rollt Heinze beim Kunden auf den Hof.
Zugegeben: Dieses Beispiel ist erfunden und liegt noch etwas in der Zukunft. Ganz real sind dagegen die geschilderten Abläufe: Termin vereinbaren, Fahrzeug buchen und bezahlen, Positionsbestimmung, Ausweichroute berechnen, das Fahrzeug am Ziel in Köln an der Stromtankstelle anschließen – denn für die Rückfahrt wird die Batterieladung des Elektroautos vielleicht nicht reichen –, und dann den genutzten Strom abrechnen. Auch wenn der Protagonist dieser kleinen Story davon nichts mitbekommt: Im Hintergrund werden jede Menge Daten bewegt, vom Carsharing-Anbieter, vom Parkplatzbetreiber, vom Energieversorger mit seiner Ladeinfrastruktur, vom Anbieter der Staudaten, vom gemieteten Fahrzeug und natürlich von Björn Heinze selbst.
Ökonomie der Daten
Die Mobilität ist im Umbruch. Die Automobilhersteller haben erkannt, dass der Verkauf von Fahrzeugen als Geschäftsmodell der Zukunft nicht mehr ausreicht, sie müssen sich vielmehr zum Anbieter von Mobilität wandeln. Die Branche diskutiert darüber, ob die Wertschöpfung mit digitalen Dienstleistungen in nicht allzu ferner Zukunft die Wertschöpfung mit dem Verkauf der Fahrzeuge übertreffen wird. Gleiches gilt für viele andere Industrien, auch für die Medizintechnik oder den Maschinenbau, wo die Maschinen immer weniger kosten und Dienstleistungen wie die vorausschauende Wartung wachsende Beiträge zur Wertschöpfung erbringen. Von einer Ökonomie der Dinge wandelt sich unsere Wirtschaft in eine Ökonomie der Daten – mit weitreichenden Folgen. Welche das sind und wie die Industrie den größten Nutzen daraus ziehen kann, untersuchen zahlreiche Fraunhofer-Institute.
Die Zunahme von datengetriebenen Geschäftsmodellen sorgt z. T. für starke Veränderungen in Unternehmen und in unternehmensübergreifenden Wertschöpfungsketten. Wo Techniker früher Anlagen mühsam konfigurierten, ermöglichen Sensoren heute die automatische Erfassung von menschlichem Know-how, das der Urheber jedoch sicher vertraulich halten möchte. Auf der anderen Seite gewinnen etwa im Onlinehandel viele Daten erst durch Austausch und Verknüpfung an Wert. Dies kommt einem Paradigmenwechsel beim Datenmanagement gleich:
- Daten sind ein Wirtschaftsgut, das verstärkt produziert und gehandelt, aber auch manipuliert und gestohlen wird.
- Akteure erzeugen Daten z. T. gemeinsam und teilen diese, statt sie unter Verschluss zu halten.
- Eigentum und Nutzungsrechte von Daten sind oft unklar und müssen erst unter den Beteiligten ausgehandelt werden.
- Daten stammen aus vielfältigen Quellen und sind über eine Plattform verbunden – sie sind dabei oft personenbezogen oder auf Personen beziehbar.
Daten sind für Unternehmen kostbar, weil sie zum einen als Grundlage neuer Geschäftsmodelle künftig immer mehr an Wert gewinnen, andererseits verbrauchen sie selbst zunehmend Ressourcen – etwa wenn die Energiekosten für die Datenhaltung und -organisation in Zeiten von Big Data steigen. Aber wie bestimmt man den Wert von Daten? Das Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dieser Frage.
Unternehmen können den Wert der Daten bemessen
- an den Kosten, die das Unternehmen aufbringen muss, um in den Besitz der Daten zu gelangen und die Datensätze zu pflegen.
- am Nutzwert, der mit den Daten zu erzielen ist.
Ein Nutzwert ist z. B. die vorausschauende Wartung, die Kosten einspart, weil sie Defekte einer Anlage früh erkennt und Stillstände verhindert. - am Marktwert.
Man kann z. B. Nutzerdaten verkaufen und schauen, was der Käufer dafür zu zahlen bereit ist.
Doch was bedeutet das für personenbezogene Daten, die z. B. in Deutschland besonderen Schutz genießen? Wie definiert sich der Wert der medizinischen Daten in Krankenhäusern und Arztpraxen, von denen im hohen Maße die Gesundheit der Bürger abhängt? Wie verhält es sich mit hoheitlichen Daten, die ein Staat erhebt, um ein funktionierendes Staatswesen zu gewährleisten? Welchen Wert besitzen die Daten aus kritischen Infrastrukturen wie dem Stromnetz oder der Internet-Infrastruktur, ohne die ganze Märkte oder das gesellschaftliche Leben insgesamt zusammenbrechen könnten? Die Liste der Fragen macht deutlich, dass der Wert und die Nutzungsmöglichkeiten von Daten verschiedene Rechtsgüter berühren, wobei unterschiedliche Interessen nicht selten auch über Ländergrenzen hinweg zu beachten und ggf. auszugleichen sind.
Digitale Schätze: Finden, sammeln, nutzbar machen
Viele Unternehmen im industriellen Sektor verfolgen seit dem Aufkommen von Industrie 4.0 die »Data Lake«-Strategie: Erst einmal alle Daten, die man im Unternehmen findet, in einen großen »See« kippen – was man damit machen kann, sieht man dann später. Doch diese Strategie muss nicht aufgehen. Quereinsteiger können in die Lücke stoßen und mit den Daten, die sie gar nicht erzeugt haben, Geld verdienen. Wer diese Quereinsteiger sein könnten, ist leicht zu erraten: Insbesondere IT-Unternehmen aus den USA, allen voran Google und Amazon, versuchen ihre Kompetenz bei der intelligenten Verarbeitung großer Informationsmengen auf andere Branchen auszuweiten. So nutzt Google frei verfügbare Daten oder kauft mit Hochdruck Firmen auf, die Daten erzeugen. Bekanntestes Beispiel ist Nest, ein Hersteller von intelligenten Heizungsreglern. Google geht es dabei nicht um den Verkauf der Hardware, sondern um die digitalen Dienste, die man auf den Daten aufsetzen kann, die aus den Heizungen und Smartphones der Nutzer – künftig auch aus anderen Smart-Home-Anwendungen – an Google übermittelt werden. Und das auch noch kostenlos.